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USA 2009 - 2013

Text & Fotos: Enrico Stirl


    
Für ein verlängertes Wochenende über den großen Teich fliegen? Gilt so etwas schon als spätrömische Dekadenz? Vielleicht. Der Ausgangspunkt ist allerdings viel banaler. Bei Lufthansa gab es Sonderangebote für Nordamerika und da konnte ich nicht Nein sagen. Aufgrund der kurzen Reisedauer von fünf Tagen kam dann auch nur ein Ziel an der Ostküste in Frage. Die Entscheidung fiel dabei letztlich auf Toronto in Kanada. Statt Canyons diesmal Häuserschluchten.Weder Piloten- noch Fluglotsenstreik oder gar Vulkanasche kann uns aufhalten. Abflug in Dresden ist um 07.20 Uhr, mit einer Boeing 737 der Lufthansa. Gut zwei Stunden nach der Ankunft in Frankfurt/M hebt eine Boeing 777 der Air Canada mit uns an Bord ab. Das Unterhaltungsprogramm an Bord umfasst rund 80 Stunden Filmmaterial – allerdings nur einen Bruchteil davon in deutsch.

Zunächst wähne ich uns im falschen Flieger. Jede Menge Inder und Pakistani sind an Bord. Ich seh uns schon in Karachi landen, doch die wollen auch alle nach Toronto. Die Einreise nach Kanada gestaltet sich zunächst wesentlich entspannter als in die USA. Man muss sich nicht im Vorfeld online registrieren und es will auch keiner von uns wissen, ob wir Drogenmissbrauch betreibende Terroristen sind, welche sich an kriminellen Aktivitäten beteiligen wollen. Kurz nach 13.00 Uhr Ortszeit landen wir auf dem Pearson Airport in Toronto. Kein Fotoshooting, kein scannen der Finger – doch dann kommt das böse Erwachen: Da Annett keine Freistellung bekommen hatte, musste ich mit den Kindern alleine reisen. In diesem Fall ist es notwendig, dass man eine schriftliche Genehmigung des anderen Elternteils dabei hat. Über die Seite des auswärtigen Amtes hatte ich ein entsprechendes Formular gefunden und dazu mir internationale Geburtsurkunden der Kinder besorgt. Doch die Urkunden interessieren die Beamtin nicht.

Stattdessen moniert Sie, dass das Formular nicht ausreichen würde, es hätte von einem Notar beglaubigt sein müssen, schließlich könne ja jeder so etwas schreiben und sie könne sich nicht vorstellen, dass ich mit den Kindern nur für ein paar Tage Urlaub in Kanada machen wolle. Da klappt einem erstmal der Unterkiefer runter. Ich zeige ihr den Ausdruck unserer Flugbuchung, auf welcher Annetts Ticket mit ausgewiesen ist (da sie ja eigentlich mitfliegen sollte), den Hotel-Voucher und versuche zu erklären, warum die Kindesmutter nicht dabei ist. Ich muss den ganzen Kram liegen lassen, wir werden in eine Ecke gesetzt und müssen gefühlte drei Stunden warten. Nach ca. 15 tatsächlichen Minuten werden wir wieder aufgerufen und haben einen Vermerk in den Pässen, dass wir uns für exakt die fünf Tage in Kanada aufhalten dürfen. Und damit heißt es endlich auch für uns "Welcome to Canada".
Da es nicht möglich war, von Deutschland aus einen Mietwagen bei Dollar Rental Cars in Toronto zu mieten, greifen wir wieder bei Alamo zu. Leider gibt es hier keine Choice Line und man muss nehmen, was einem zugewiesen wird. Aber als US-Car-Fan mit einem Japaner durch Nordamerika zu fahren wäre glatter Stilbruch. Deshalb frage ich am Schalter, ob wir einen amerikanischen Wagen bekommen können. Sure, you can get a Chrysler 300 or a Mustang Convertible. Ein Mustang ist mir ein wenig zu klein, außerdem regnet es – was soll ich da mit einem Cabrio?! Der 300 hat den 3.5 V6 mit 250 PS, erst 30 km auf dem Tacho, Ledersitze und duftet betörend. Also Kinder und Koffer rein in den Wagen und auf geht’s! Wie immer hab ich hier eine separate Seite für den Chrysler 300.
Toronto – die Provinzhauptstadt Ontarios – ist nach New York die Stadt mit den meisten Wolkenkratzern in Nordamerika. Allein in Downtown stehen über einhundert Gebäude, deren Höhe mindestens 100 m beträgt. Die gesamte Metropolregion kommt auf sage und schreibe zweitausend Hochhäuser. Und es wird fleißig weiter gebaut. Parallel dazu findet man aber auch viele - für kanadische Verhältnisse - historische Gebäude. Mit mehr als fünf Millionen Einwohnern im Ballungsraum ist Toronto die größte Stadt Kanadas. Gleichzeitig gilt sie auch als sicherste Großstadt Nordamerikas. Seit Jahren schon ist die Kriminalitätsrate äußerst niedrig. In meinem nächsten Leben wäre ich gern Parkhaus-Besitzer in Toronto. 30 Minuten kosten schon mal CAN$ 4,- und eine Monatsmiete CAN$ 185,- pro Stellplatz. Darüber hinaus droht der Verkehrskollaps. Die Straßen sind teilweise genauso schlecht wie nach dem letzten Winter bei uns und man steht mehr als das man fährt.


Als Unterkunft haben wir das Novotel Toronto Center gewählt. In einer Seitenstraße der Yonge Street liegt es zentral in Downtown. Den CN Tower, die Hockey Hall of Fame und diverse Geschäfte kann man zu Fuß erreichen. Sowohl Zimmer als auch Badezimmer sind sehr schön. Allerdings liegen einige Restaurants an der Straße und des Nachts hört man dann die Betrunkenen (darunter viele Frauen) rumgrölen. Vertragen wohl nicht viel, die Kanadier ;-)

Das Gebäude oben links ist der First Canadian Place – mit 355 m (inkl. Antennen) das höchste Gebäude Kanadas (wenn man den CN Tower außer Acht läßt). Der Scotiabank Tower in der Bildmitte ist mit 295 m das zweithöchste Gebäude Kanadas. Der TD Canada Trust Tower oben rechts ist mit 263 m schließlich das dritt höchste Gebäude in Toronto (Stand Mai 2010, höhere Gebäude sind in Planung und teilweise schon im Bau).

Der Zeitunterschied zu Deutschland beträgt -6 Stunden. Dadurch sind wir am Freitag bereits gegen 3 Uhr wach. Wir nutzen die Gunst der frühen Stunde und fahren auf dem Queen Elizabeth Way zunächst nach Süden und später nach Osten, immer an den Ufern des Ontariosees entlang. Nach ca. 90 Minuten Fahrt erreichen wir den kanadischen Teil der Stadt Niagara Falls. Auf der anderen Seite des Niagara Flusses befindet sich Niagara Falls im US-Bundesstaat New York. Eigentlich sind wir rechtzeitig da, um zu sehen, wie die Sonne mit ihren ersten Strahlen das Firmament über den Niagara Fällen in Brand steckt. Dummerweise denkt das Wetter gar nicht daran, mitzuspielen. Schwere Regenwolken und Nebelschwaden hängen herum und schränken die Sicht drastisch ein. Sunrise with no sun.
Von daher beschließe ich, zunächst in die USA zu fahren. Wir fahren über die Rainbow Bridge, welche Kanada mit den USA verbindet (und auf dem Rückweg $ 3,25 pro PKW kostet). Bei der Passkontrolle müssen wieder die lustigen grünen Karten ausgefüllt werden, wobei zwei Beamte die Karten für die Kinder gleich selbst ausfüllen, damit es schneller geht. Sie fragen nur kurz, warum die Mutter nicht dabei ist und geben sich mit meiner Erklärung zufrieden. Kein rumgezicke wie am Flughafen in Toronto. Noch pro Person $ 6,- Eintrittsgeld zahlen und wir sind wieder im Land mit dem Star-Spangled Banner. Und das erste Mal im Bundesstaat New York.
Das beeindruckende an den Niagarafällen ist nicht die Höhe (etwas mehr als 50 Meter - da gibt es höhere Wasserfälle), sondern die Breite. Die Abrisskante des kanadischen Teils (Horseshoe Falls) kommt auf eine stolze Länge von 762 Metern. Der kleinere Teil American Falls schafft es inklusive des Bridal Veil Falls immerhin noch auf 335 Meter. Die Trennung der Fälle wird durch Goat Island verursacht, einer Insel, welche den Niagara River unmittelbar vor dem Fall teilt. Mit gewaltigem Lärm stürzen die Wassermassen in die Tiefe, was auch zur Namensgebung führte. Denn Niagara bedeutet in der Sprache der Irokesen soviel wie „Donnerndes Wasser“. Der Legende nach opferten die Irokesen hier in grauer Vorzeit Jungfrauen dem Gott des Donners. Heutzutage findet dieser Brauch keine Anwendung mehr, wobei ich nicht weiß, ob der Mangel an Irokesen oder Jungfrauen Schuld daran trägt. Stattdessen wird kräftig dem Gott Mammon gehuldigt. Auf kanadischer Seite gibt es zudem Casinos und unterschiedlichste Attraktionen, so dass man sich irgendwie ein wenig an Las Vegas erinnert fühlt.
Entstanden sind die Niagara Fälle übrigens vor rund 12.000 Jahren, als mit dem Ende der Eiszeit und dem Tauen der Gletscher der Eriesee zum Überlaufen gebracht wurde. Das Wasser bahnte sich als Niagara Fluss seinen Weg zum Ontariosee. Durch die permanente Erosion, welche die Wassermassen verursachen, haben sich die Niagara Fälle im Laufe der Zeit um 11 km dem Eriesee – und damit ihrem eigenem Ende – genähert. Mittlerweile wird die Wassermenge (vor allem nachts) um bis zu 90 % gedrosselt, da es sowohl auf kanadischer als auch US-amerikanischer Seite Wasserkraftwerke gibt, welche das gigantische Naturpotenzial zur Energiegewinnung nutzen und damit auch die Erosion verlangsamen. Man hat also noch ein paar tausend Jahre Zeit, um die Niagara Fälle zu bewundern, ehe sie verschwunden sind.
Über eine weitere Brücke erreichen wir Goat Island. Hier gibt es zwar keine Ziegen mehr, aber dafür gelangt man hautnah an beide Teile der Fälle. Wir nehmen an der Cave-Of-The-Winds-Tour teil, bei der man mit einem Fahrstuhl 50 m nach unten fährt und am Fuße des Bridal Veil Falls über eine Holzkonstruktion laufen kann. Man erhält vorher Badelatschen, einen Regenschutz und eine Tüte für Schuhe und Strümpfe. Das nur wenige Zentimeter entfernt aufschlagende Wasser verursacht einen Lärm, bei dem man kaum noch ein Wort versteht. Gischt peitscht einen ins Gesicht. Hier wird nicht nur Anna nass :-) Diese Tour kostet $ 11,- für einen Erwachsenen und $ 8,- pro Kind. Eine Ausgabe, die sich definitiv lohnt!
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